Netzwerktagung in Potsdam

Interkultureller Garten – Tagung in Potsdam

27.-29.05.2011 | von Friederike Holst

Ich hab keinerlei Vorstellung was mich die nächsten Tage erwartet. Die Mitfahrgelegenheit setzt mich vor der Jugendherberge ab, irgendwann am Freitagnachmittag, doch allein bleibe ich nicht lange. Das Zimmer teile ich mir mit zwei älteren Frauen aus dem Interkulturellen Garten in Göttingen. Eine der beiden kommt ursprünglich aus Japan, die andere aus Algerien. Fängt also super an. Jetzt fehlt nur noch der Garten.

Gemeinsam fahren wir mit noch ein paar anderen Gärtnern aus den verschiedensten Ländern zum Tagungsort, ein Gemeindehaus in einem Viertel, das als nicht so gute Adresse bekannt ist. Viel Plattenbau und Arbeitslosigkeit. Genau hier ist der Garten, irgendwo, ein Fleckchen grün mitten im Grau. Doch zuerst geht’s ins Gemeindehaus wo wir alle herzlich begrüßt werden.

Die Tagung beginnt mit verschiedenen Vorträgen. Einige stellen ihren Gärten vor, oder Projekte, die sie im Garten veranstalten. Die Stimmung ist super. An den Wänden stehen Tische auf denen jeder Broschüren und Flyer hinterlegt. Stellwände mit Fotos aus verschiedenen Gärten sind zu bewundern und schließlich gibt es eine Bar, die sich um unser leibliches Wohl kümmert.

Mir fällt auf, dass nur wenige Leute in meinem Alter an der Tagung teilnehmen. Anfang Zwanzig scheint keine Zielgruppe für Gärten zu sein. Die anderen, etwas älteren Gärtner sind dafür hochmotiviert und auch wenn man sich nicht wirklich kennt, kommen während der kurzen Pausen zwischen den Vorträgen sehr anregende Gespräche zustande. Alle scheinen interessiert und hilfsbereit. Und alle sind aus den unterschiedlichsten Beweggründen zu den Interkulturellen Gärten gekommen. Selbst nach der Tagung, als alle sich wieder in der Lobby der Jugendherberge einfinden klingen die Gespräche nicht ab.

Ein Künstler ist da, aus Togo, der seine Bilder im Postkartenformat dabeihat und uns seine Kunst erläutert. Ein Mädchen, das Gemüsegärtnerin gelernt hat, bevor es auf den Interkulturellen Garten kam. Eine ältere Frau, die sich selbst als Anfängerin auf dem Gebiet des Gärtnerns sieht aber vom Projekt begeistert und überzeugt ist und sich deshalb engagiert und selbst eine Menge lernt.

Viele verschiedene Geschichten also und so zieht sich das Gespräch bis weit nach Mitternacht. Der Samstag überrascht mich mit einem für eine Jugendherberge ungewöhnlich guten Frühstück, bevor es zurück zum Tagungsort geht. Erneut hören wir Vorträge, aber jeder Garten ist so individuell verschieden mit seinen Projekten, Gärtnern, Ideen und Problemen, dass es nicht langweilig wird zuzuhören. Im Gegenteil, meine Begeisterung wächst und bald schon hat man das Gefühl, die ganze Welt bestünde aus friedlichen Gärtnern… vieles wäre so viel einfacher.

Nach dem Mittagessen geht es in die Workshops. Wir machen Gesichtscreme aus Bienenwachs, das aus einem Interkulturellen Garten in Berlin stammt. Schon verrückt wie schnell und einfach man Tagescreme selbst machen kann! ☺

Zum Abendessen besuchen wir endlich den Garten in Potsdam. Er ist riesig groß und soooo grün.Überall sind Gartenstücke von Familien, ein Bauwagen steht da, eine Garage in der gewerkelt werden kann, außerdem ein großer, selbstgemachter Lehmbackofen, Sitzecken und ein kleines Häuschen mit Küche und Klo. Kurzum, alles was man sich nur wünschen kann und die erste viertel Stunde wandere ich nur durch den Garten und entdecke noch viele liebevoll gestaltete Ecken und Details. Ein Vorbildgarten.

Um das Bild abzurunden gibt es Pizza und Auflauf frisch aus dem Backofen und dazu verschiedene interessante Gerichte am Buffet. Die Gespräche wandern von den Gärten hin zu Themen wie Politik, Integration und Lebenserfahrung während die Wolken am Himmel sich langsam rosa färben und in den Häusern rings umher die Lichter angehen.

Der Sonntag kommt für die meisten Tagungsteilnehmer viel zu überraschend. Seltsam, dass all die Vorträge und Aktivitäten in ein Wochenende passten. Noch einmal treffen wir uns in den Workshops, doch Aufbruchsstimmung liegt in der Luft. Wieder wandere ich durch den Saal, verabschiede mich von einigen und unterhalte mich zum letzten Mal mit den Menschen, die völlig überzeugt vom urban gardening sind, bevor es den Weg durch die Plattenbauten zurückgeht. Zurück zu den Leuten, die weniger Verständnis für gemeinsames Gärtnern haben, doch das macht nichts, solange es ein paar Motivierte gibt, die aus dem Grau trotzdem ein bisschen Bunt werden lassen.